
21.08.2008
Happy End garantiert
Berlin (ddp). Für ihr Verlangen nach Liebe musste sich die Leserin lange bitterlich schämen. «Schundromane» waren früher die Schmuddelkinder der Buchhandlungen und Verlage, die Leserinnen wurden gern als realitätsfremde Romantikerinnen abgetan. Doch längst haben sich Fans und Autoren von alten Klischees emanzipiert. Das Genre beschränkt sich nicht mehr auf schwellende Brüste, bebende Lenden und glühende Blicke. Der neueste Trend auf dem riesigen Markt geht zu Fantasy-Themen rund um Werwölfe, Vampire und Co., die Heldinnen sind auch mal 40-jährige Witwen und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Das wachsende Angebot entspricht der Nachfrage: Nach Schätzung von Kris Alice Hohls, Herausgeberin der Zeitschrift «Love Letter», erscheinen pro Monat rund 150 neue Liebesromane. Seinen Makel ist das Genre dennoch nicht losgeworden.
Der Erfolg der Sparte ist schwer zu beziffern. Weder der Börsenverein des Deutschen Buchhandels noch das Marktforschungsunternehmen Media Control erheben hierzu gesonderte Verkaufszahlen innerhalb der Belletristik-Sparte. Der Marktdruck aber ist eindeutig: Der Verlag Knaur hatte die historisch-erotischen Romane, branchenintern wegen der typischen Cover mit Halskuss-Pose «Nackenbeißer» genannt, aus dem Programm genommen. Wegen der «wahnsinnigen» Nachfrage machte der Verlag den Schritt vor zwei, drei Jahren wieder rückgängig und baut das Programm sogar aus, wie Patricia Keßler, Pressereferentin für den Bereich Knaur Taschenbuch Belletristik, sagt.

Nachrichten wie diese findet die passionierte Leserin jedoch kaum in Frauen- oder gar Literaturzeitschriften. «Selbst die ´Brigitte´ bespricht nur hochintellektuelles Zeug», sagt Maria Dürig, Cheflektorin beim Verlag Blanvalet. Dabei macht das Genre nach ihrer Einschätzung fast ein Drittel des Programms der großen Taschenbuch-Verlage aus.
So ist denn der «Love Letter» laut seiner Herausgeberin Hohls das einzige Magazin speziell für Liebesromane im deutschsprachigen Raum: «Ich habe immer darauf gewartet, dass sich jemand der Idee annimmt. Aber es passierte nicht.» Die ehemalige Pressereferentin eines großen Kinoverleihs kennt Liebesroman-Zeitschriften vor allem aus den USA, wo die «Romance Writers of America» am 2. August die besten Liebesroman-Autoren auszeichnen.
Der «Love Letter» erscheint derzeit elfmal pro Jahr in einer Auflage von 10 000 Stück. Ab Oktober soll das Magazin erstmals deutschlandweit nicht nur in Bahnhofsbuchhandlungen, sondern auch in Zeitschriftenläden erhältlich sein.
Raus aus der Sparte, rein in den Mainstream: Das gilt auch für die Inhalte der Romane. «Im Gegensatz zu den 80er Jahren sind die Geschichten realistischer geworden», so Hohls. Die Frauen seien heute viel stärker, selbstständiger. Bei den Genres ist mittlerweile fast alles erlaubt, von historischen oder zeitgenössischen Themen über Zeitreise, Krimi oder wie in den USA zunehmend auch christlichen Motiven.
Nur zwei Aspekte muss nach Ansicht Hohls ein Liebesroman unbedingt erfüllen: «Die Liebesgeschichte muss im Vordergrund stehen, und ein Happy End muss garantiert sein.» Der Klassiker «Vom Winde verweht» ist damit für sie eine großartige Liebesgeschichte, aber kein Liebesroman.
Aber warum ein Buch lesen, wenn das Ende feststeht? «Weil man über die Liebe in unendlich vielen Variationen schreiben kann», meint Hohls, deren Leidenschaft für den Liebesroman mit Büchern von Barbara Cartland und dem Klassiker «Angélique» begonnen hat. «Das sind Romane über starke Frauen, die sich ihre Träume und Wünsche erfüllen.» Kein Wunder also, dass 99 Prozent der Abonnenten des «Love Letter» Frauen sind, dafür aber im Alter von 17 bis jenseits der 80.
«Oft wird so getan, als wären diese Frauen Verliererinnen, die nur deshalb Liebesromane lesen, weil sie keinen Mann abbekommen haben», formuliert Cheflektorin Dürig das hartnäckige Vorurteil. Tatsächlich stehe die Leserin aber voll im Leben und suche einfach beste Unterhaltung: «Die glaubt nicht wirklich, dass der Prinz auf dem Schimmel die Straße hoch reitet und sie rettet."
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